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Archäologie im politischen Diskurs. Ethnische Interpretationen prähistorischer Bodendenkmale in Sachsen, Böhmen und Schlesien zwischen 1918 und 1989

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Der sächsische Gauleiter-Reichsstatthalter Martin Mutschmann (rechts) besuchte 1937 die von dem Dieraer Lehrer Kurt Schöne gestaltete Ausstellung »Vorgeschichte des Kreises Meißen« auf der Albrechtsburg.
(© Landesamt für Archäologie)

Bis heute ist es in der Archäologie üblich, Bodenfunde ethnischen Gruppen zuzuschreiben: Wenn von einer »slawischen« Burg oder einem »germanischen« Krieger die Rede ist, wird der archäologisch überlieferten Sachkultur eine ethnische Deutung unterlegt.

So gelten etwa in Sachsen auf bestimmte Weise verzierte Scherben als »slawisch«, während mit Schutz- und Angriffswaffen ausgestattete Brandgräber der älteren römischen Kaiserzeit als »germanisch«, ja sogar »hermundurisch« angesprochen werden.
Schon seit dem Beginn des Denkens in nationalstaatlichen Kategorien und nicht erst im Zeitalter der Totalitarismen spielten ethnische Interpretationen eine wichtige Rolle im kulturwissenschaftlichen Diskurs, der seit dem 19. Jh. von Sprachwissenschaft, Geographie, Landesgeschichte, Volks- und Rassenkunde sowie prähistorischer Archäologie geführt wurde und die Ausbildung regionaler Identitäten bis hin zu nationalen Geschichtsbildern und Gründungsmythen beeinflusste. Das Bedürfnis, ethnische, sprachliche, mithin auch rassische Homogenität bis in prähistorische Zeiten zurückzuverfolgen, war seit dem 19. Jh. häufig dort am größten, wo diese Einheit durch Überlagerungs-, Abstoßungs-, Kontakt und Vermischungsprozesse gefährdet erschien und immer wieder neu definiert werden musste. Entlang politischer Grenzen gewinnen diese Vorgänge schärfere Konturen als im binnenländischen Milieu. Deshalb eigenen sich Grenzräume in einem besonderen Maße, die Funktion von »Vorgeschichtsbildern« im Wandel geschichtspolitischer Diskurse zu untersuchen. Die besondere Bedeutung der historischen Länder Böhmen, Schlesien und Sachsen z. B. bei der Erforschung von »deutscher« Ostkolonisation und »slawischer« Besiedlung besteht gerade in ihrer Lage als Grenzlandschaften.

Das von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) geförderte Projekt »Archäologie im politischen Diskurs. Ethnische Interpretationen prähistorischer Bodendenkmale in Sachsen, Böhmen und Schlesien zwischen 1918 und 1989« wird vom Landesamt für Archäologie und dem Hannah-Arendt-Institut für Totalitarismusforschung e. V. an der Technischen Universität Dresden gemeinsam getragen. Nur durch eine enge Zusammenarbeit von Zeithistorikern und Archäologen kann es gelingen, die Ziele und Absichten der ideologischen Instrumentalisierung archäologischer Befunde in einer mitteleuropäischen Grenzregion im Spannungsfeld von wissenschaftlichen Fachinteressen und politischen Absichten im 20. Jh. aufzudecken. Allein eine fachübergreifende Kooperation gewährleistet die umfassende Erschließung archivalischer und archäologischer Quellen. Unterschiedliche methodische Ansätze versprechen erweiterte Erkenntnisse zu einem wissenschaftsgeschichtlichen Problemkreis, der bislang überwiegend fachintern bearbeitet worden ist.
In einem Längsschnitt von 1918 bis 1989 sollen am Beispiel Sachsens die Zäsuren und Kontinuitäten in der wissenschaftlichen Produktion, in der öffentlichen Wahrnehmung von »Vorgeschichtsbildern« sowie die komplexen Wechselwirkungen zwischen Wissenschaft und Politik durch mehrere aufeinanderfolgende politische Systeme (Weimarer Republik, Nationalsozialismus, DDR) verfolgt und mit den Nachbarregionen Böhmen und Schlesien verglichen werden.

Die Analyse darf sich nicht nur auf die Biographien einzelner Wissenschaftler oder die Geschichte einzelner Institutionen beschränken, sondern soll an konkreten Bespielen aus Vorgeschichte und frühem Mittelalter (jüngere vorrömische Kaiserzeit, späte römische Kaiserzeit/Völkerwanderungszeit, frühes und hohes Mittelalter) die Genese und den Wandel ethnozentrischer Deutungsmuster über Systemgrenzen hinweg aufzeigen. Wie diese »Vorgeschichtsbilder« dann in eine breite Öffentlichkeit wirkten, lässt sich an der Tätigkeit von Altertums- und Heimatvereinen, Museen und Ausstellungen, populären Veröffentlichungen und Presseartikeln sowie Schulbüchern und Lehrplänen ablesen. Die Abhängigkeiten zwischen Politik und Wissenschaft sind schließlich an der Schnittstelle von Archäologie, Landesgeschichte, Volkskunde und Rassenkunde gerade in der »sorbischen« Oberlausitz gut zu fassen und sollen mit den Entwicklungen in Schlesien und Böhmen verglichen werden. Besondere Aufmerksamkeit verdient die Frage, wie ethnozentrische Deutungsmuster den grundlegend gewandelten Rahmenbedingungen der sozialistischen Systeme, insbesondere der DDR, angepasst und so fortgeschrieben werden konnten, dass sie bis heute in der landesgeschichtlichen Forschung Sachsens wirksam sind.

Zeitgeschichte: Hannah-Arendt-Institut für Totalitarismusforschung e. V. an der Technischen Universität Dresden

Dr. Clemens Vollnhals, stellvertretender Direktor

Dr. Thomas Widera

Archäologie:

Dr. Thomas Westphalen

Leiter der Abteilung II - Archäologische Denkmalpflege, Stadtkernarchäologie: Bautzen, Dresden, Görlitz, Leipzig, Meißen, Pirna, Zittau

Frau Judith Schachtmann M.A.

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Hannah-Arendt-Institut für Totalitarismusforschung e. V.

Tagung: Umbruch 1945? Die prähistorische Archäologie in ihrem politischen und wissenschaftlichen Kontext

Tagungsprogramm als PDF

Abstracts von Tagungsbeiträgen als PDF

© Landesamt für Archäologie